Die Frage nach der Eignung von Ganzjahresreifen, oft auch Allwetterreifen genannt, beschäftigt viele Autofahrer in der Schweiz. Angesichts der variablen klimatischen Bedingungen – von milden Tälern bi...
Ganzjahresreifen in der Schweiz: Eine sachliche Betrachtung
Die Frage nach der Eignung von Ganzjahresreifen, oft auch Allwetterreifen genannt, beschäftigt viele Autofahrer in der Schweiz. Angesichts der variablen klimatischen Bedingungen – von milden Tälern bis zu schneereichen Pässen – ist die Entscheidung für die richtige Bereifung von zentraler Bedeutung für die Sicherheit und Fahrleistung. Dieser Artikel beleuchtet die Vor- und Nachteile dieser Reifenart aus technischer Sicht und bietet eine fundierte Entscheidungshilfe.
Was sind Ganzjahresreifen und wie funktionieren sie?
Ganzjahresreifen stellen einen Kompromiss zwischen dedizierten Sommer- und Winterreifen dar. Sie versuchen, die Eigenschaften beider Spezialisten zu vereinen:
Die technische Herausforderung des Kompromisses
Der Hauptunterschied liegt in der Gummimischung und dem Profil. Sommerreifen sind auf hohe Temperaturen und trockene/nasse Fahrbahnen optimiert (harte Mischung, gute Stabilität). Winterreifen benötigen eine weiche Mischung, die auch bei Kälte flexibel bleibt, sowie tiefe Lamellen, um Schnee und Matsch effektiv zu greifen.
- Gummimischung: Ganzjahresreifen verwenden eine mittlere Mischung, die bei sommerlicher Hitze nicht zu weich wird, aber bei leichtem Frost noch ausreichend Flexibilität bietet.
- Profil: Das Profil ist hybrid. Es enthält sowohl die breiteren Rillen zur Wasserableitung (Sommer) als auch feine Lamellen (Sipes) zur Verbesserung der Traktion auf Schnee und Eis (Winter).
Wichtig: Moderne Ganzjahresreifen müssen das Alpine-Symbol (Schneeflocke im Berg) tragen, um in der Schweiz und weiten Teilen Europas offiziell als Winterreifenersatz anerkannt zu werden. Reifen ohne dieses Symbol sind bei winterlichen Verhältnissen ungeeignet.
Wann sind Ganzjahresreifen sinnvoll?
Ganzjahresreifen sind eine praktikable Lösung für spezifische Fahrprofile:
- Geringe Jahresfahrleistung: Wer weniger als 10'000 bis 12'000 Kilometer pro Jahr fährt, nutzt die Reifen nicht so schnell ab.
- Städtisches oder tief gelegenes Umland: In Regionen, in denen die Temperaturen selten weit unter den Gefrierpunkt fallen und Schneefall die absolute Ausnahme ist (z.B. Teile des Tessins oder des Genfersees).
- Fahrzeugtyp: Sie eignen sich besser für kleinere, leichtere Fahrzeuge mit moderater Motorisierung.
Typische Fehler und Missverständnisse
Der grösste Irrtum ist die Annahme, Ganzjahresreifen seien in allen Situationen gleich gut wie die Spezialisten. Dies ist physikalisch nicht möglich.
1. Leistungsgrenzen im Sommer: Bei hohen Geschwindigkeiten und sommerlichen Temperaturen (über 25 °C) können Ganzjahresreifen einen längeren Bremsweg aufweisen und sich schneller abnutzen als reine Sommerreifen. Die Gummimischung kann bei extremer Hitze zu weich werden, was die Fahrstabilität beeinträchtigt.
2. Leistungsgrenzen im Winter: Auf tiefem, festgefahrenem Schnee oder Eis, wie er typischerweise in alpinen Regionen vorkommt, bieten Ganzjahresreifen deutlich weniger Grip und Traktion als hochwertige Winterreifen. Der Bremsweg verlängert sich signifikant.
3. Der Abnutzungsfaktor: Da die Reifen das ganze Jahr über genutzt werden, verschleissen sie schneller als zwei separate Sätze. Die Profiltiefe muss daher sorgfältig überwacht werden. Ein Ganzjahresreifen mit geringer Profiltiefe im Winter bietet kaum noch Sicherheit.
Lokaler Bezug: Die Situation in Luzern und der Zentralschweiz
Die Zentralschweiz, einschliesslich Regionen wie Root, Luzern oder das angrenzende Entlebuch, weist ein sehr heterogenes Klima auf. Während die Agglomeration Luzern oft milde Winter erlebt, sind die umliegenden Hügel und Berggebiete regelmässig von starkem Schneefall und langanhaltendem Frost betroffen.
Für Pendler, die ausschliesslich im urbanen Raum von Luzern unterwegs sind und bei Schneefall das Auto stehen lassen können, mögen Ganzjahresreifen eine Option sein. Wer jedoch regelmässig in höhere Lagen fährt oder auf die Zuverlässigkeit bei allen Witterungen angewiesen ist, sollte weiterhin auf den saisonalen Wechsel von Sommer- und Winterreifen setzen. Die Sicherheitsreserven von Spezialreifen sind in den anspruchsvollen, feuchten und kalten Wintern der Zentralschweiz oft unerlässlich.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Sind Ganzjahresreifen in der Schweiz gesetzlich erlaubt?
Ja, es gibt in der Schweiz keine generelle Pflicht für Winterreifen. Allerdings muss das Fahrzeug den Strassenverhältnissen angepasst sein. Wer mit ungeeigneter Bereifung einen Unfall verursacht oder den Verkehr behindert, riskiert eine Busse oder eine Mithaftung. Ganzjahresreifen mit dem Alpine-Symbol gelten als wintertauglich.
Muss ich mit Ganzjahresreifen trotzdem die Profiltiefe beachten?
Absolut. Die gesetzliche Mindestprofiltiefe beträgt 1.6 mm, aber Experten raten dringend, Ganzjahresreifen im Winter nicht unter 4 mm Profiltiefe zu fahren, da die Leistung auf Schnee rapide abnimmt.
Sparen Ganzjahresreifen wirklich Kosten?
Auf den ersten Blick ja, da der twice-yearly Reifenwechsel entfällt und nur ein Satz Felgen benötigt wird. Allerdings verschleissen Ganzjahresreifen schneller. Die Gesamtkosten über die Lebensdauer des Fahrzeugs sind oft vergleichbar, wobei der Sicherheitsverlust bei ungünstigen Bedingungen nicht eingepreist ist.
Sind Ganzjahresreifen besser als alte Winterreifen im Sommer?
Ja. Abgefahrene oder alte Winterreifen sind im Sommer aufgrund ihrer weichen Mischung und der schlechten Stabilität bei Hitze gefährlich. Ein guter Ganzjahresreifen bietet hier deutlich bessere Sicherheitseigenschaften.
Fazit zur Bereifungswahl
Ganzjahresreifen sind eine valide Option für Fahrer mit geringer Fahrleistung in milden Regionen. Sie bieten Komfort und sparen den halbjährlichen Wechsel. Sie sind jedoch immer ein Kompromiss. Wer hohe Sicherheitsreserven wünscht, oft in bergigen Regionen unterwegs ist oder eine hohe Jahresfahrleistung hat, sollte weiterhin auf den saisonalen Wechsel zwischen spezialisierten Sommer- und Winterreifen setzen. Die Wahl der Bereifung muss stets dem individuellen Fahrprofil und den regionalen klimatischen Bedingungen angepasst werden.
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